Neben Berlin bietet nur noch Bremen ein Bahnradevent in dieser Größenkategorie an. Per und Andi haben sich umgesehen. Und unter anderem mit dem Scratch-Weltmeister Moritz gesprochen, der uns verriet, was sein Rad kostet.
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Bahnrad – Party oder Sport?
Ich weiß nicht, warum die Bahnradevents so rar geworden sind. Ich wusste bis letztes Jahr aber auch selbst nicht so recht, was das überhaupt ist. In Bremen ist es jedenfalls eine Mischung aus einem Sportevent auf höchstem Niveau und einer riesigen, ausgelassenen Edel-Party mit Live-Musik, Essen vom Feinsten und Disco bis spät in die Nacht. Und beides ist miteinander in gelungener Art und Weise verwoben.

Andi und ich sind wegen des Sports bei den Sixdays Bremen. Als Rennradfahrer ist uns der Bahnradsport jedoch ein wenig fremd. Aber ich werde heute verstehen, dass das nichts ungewöhnliches ist, denn der Bahnradsport ist eine elitäre Angelegenheit. Im Bahnrad wird also Indoor auf einem Rundkurs gefahren, der zwei Steilkurven hat. Die Bahn ist aus Holz und sehr präzise gefertigt. Für einen Rennradfahrer übersetzt: der glatteste Asphalt, den man sich vorstellen kann, ganz ohne andere Verkehrsteilnehmer und die Kurven sind steil, damit man sie in Schräglage ungebremst mit maximum Speed durchfahren kann.
Bahnräder sind keine Rennräder
Aus der Ferne betrachtet sehen sie wie Rennräder aus. Aus der Nähe betrachtet erinnert eigentlich gar nichts mehr daran. Die Räder sind Fixies, also Fahrräder mit fixed gear Antrieb. Es gibt weder Gangschaltung noch Freiläufe. Moritz Augenstein klärt mich auf, dass die Übersetzung von 54 (Kettenblatt) zu 16 Zähnen (Ritzel) vorgegeben ist. Bei einer Trittfrequenz von 140 drehen die Fahrer mit ca. 70 kmh aus.

100.000 EUR für ein Fahrrad
Weitere Auffälligkeiten sind die an ein Rennrad erinnernden Lenker – sie haben jedoch keine Bremshebel. Verlangsamt wird, indem man weniger tritt. Da sich die Pedale immer mitdrehen (kein Freilauf) verwenden einige Fahrer neben Klickpedale zusätzlich Riemen, um von den entstehenden Kräften bei der Geschwindigkeitsreduktion nicht aus den Pedalen gehebelt zu werden. Die Lenker sind teilweise extrem schmal (20 cm), die Überhöhung (Höhendifferenz zwischen Sattel und Lenker) sieht in Teilen schon lächerlich aus (30- 40 cm?). Die Vorbauten sind teilweise ebenso wahnwitzig und weisen durschaus 25 cm auf.

Es sind eben keine Rennräder, sondern Bahnräder. Moritz Augenstein, der amtierende Weltmeister in der Wettkampfart „Scratch“ klärt mich auf, dass sein Rad von FES wahrscheinlich 100.000 EUR kostet. FES stellt Bahnräder für den Deutschen Profikader her und hat keinen offiziellen Consumer-Verkauf. Wahrscheinlich würden unsere Pinarellos, Giants und Treks auch so viel kosten, wenn die reinen Entwicklungs- und Fertigungskosten allein für eine Handvoll Abnehmer geleistet würde. Es ist also nicht verwunderlich, dass kein Rad dort dem anderen gleicht, jedes ein Unikat, dass ser präzise auf die Vorlieben des Fahrers gefertigt ist. Das gilt auch für Nils Politts Colnago, auf deren Homepage wird man es vergeblich suchen.

Wie wird man zum Bahnradfahrer mit einem 100.000-Euro-Bike?
Bahnrad ist eine kleine Szene. Es gibt keinen wirklichen Einstieg, klärt mich ein Influenser namens Hauke auf. Man muss das quasi schon als 15-jähriger machen, Talent haben und entdeckt werden. Und dann geht es von dort aus sofort in die Profiliga. Ein sich entwickeln über viele Lizenzklassen mit endlos viel Konkurrenz wie im Rennradbereich gibt es nicht wirklich. Oder man ist wie Nils Politt ein extrem talentierter Straßenfahrer und hat ein Faible für Bahnrad. Die Szene ist also klein und sehr elitär.
Moritz Augenstein, ein Weltmeister
Moritz Augenstern ist ein aktueller Weltmeister. Und trotz seines Starstatus ein super angenehmer und nahbarer Typ. Auch auf seinem Insta (Link) findet man keine Poser-Fotos. Er verrät mir zwar nicht sein Gewicht, aber seine FTP (Functional Threshold Power) liegt bei 440 Watt. Ziemlich muskelbepackt und daher nicht der Leichteste, deshalb schätze seine W/Kg-FTP auf ca. 5,5. Das ist krass viel. Er bildet ein Team mit dem extrem erfahrenen und vielfachem Gewinner Roger Kluge. Als wir am Samstag dort sind führen sie die Gesamtwertung an. Es würde mich nicht wundern, wenn die beiden Deutschen das Ding gewinnen.

Die Bremer Sixdays 2026
Mir fällt auf, dass weniger Besucher dort sind als im Vorjahr (Link zum Artikel Sixdays 2025 mit Nils Politt). Das mag aber daran liegen, dass Bremen momentan unter einer Schneedecke liegt, wie wir sie seit vielen Jahren nicht mehr erlebt haben. Der Straßenbahnverkehr ist gänzlich eingestellt, viele Straßen sind nicht geräumt und die Temperaturen bewegen sich im Minusbereich.
Es ist traurig, dass die Stadt Bremen selbst die mehrspurigen Straßen zur riesigen ÖVB-Arena nicht geräumt hat. Auch am Samstag, also einen Tag nach dem großen Schneesturm, waren die Hauptverkehrsadern rum um den Bahnhof mit 20 cm immer noch hohem Schnee bedeckt. Die Sixdays sind kein Dorfveranstaltung und die Stadtverwaltung täte gut daran, ihr schlechtes Image nicht jedes mal aufs neue zu bestätigen.
Andi von bergauf.cc
Dass der schärfste Wintereinbruch gerade zu den Sixdays eintrifft, ist Pech. Denn die Veranstaltung ist so bunt, laut, sportlich und schrill wie eh und je. Sie lockt damit ein sehr breites Publikum. Und das ist gut so. Für den Bahnradsport, für Bremen.

P.S. Bremen ist auch sonst cool
Dieses Jahr haben sich viele Vereine und Veranstalter zusammengetan, um einen gemeinsamen Stand auf die Beine zu stellen: der Bremer Sporttreff. Wer sich dort genauer umgesehen hat, konnte erahnen, dass in Bremen so einiges geht. Wir haben das Gravel-Langdistanz-Rennen Bremen555 (Link), Bernd Rennies, die GFNY, aber auch Lizenzrennen wie das Einzelzeitfahren in Schwanewede und die Kriteriums-Landesmeisterschaft auf der Strecke beim Mercedes-Werk Bremer Stern. Und den wohl größten Jedermann-Rennradtreff in Norddeutschland: die Montagsrunde des Radclub Bremen e.V. (Link) In Bremen geht ganz schön was!































