In unserer Reihe von Laufradtests lag uns diesmal der Karvon KVC45 von einem neuen Hersteller aus China vor. Wir sagen euch, was die technischen Spezifikationen sind, gehen auf Besonderheiten des Aufbaus ein und schildern unseren Fahreindruck. Setzt Karvon einen neuen Preis-Leistungs-Maßstab? Bevor wir mit der Antwort loslegen noch etwas zu Karvon.
Inhalt

Karvon – eine neue Marke
Karvoncycling.com ist die Seite des neuen Anbieters aus China. Über Karvon erfährt man dort, dass man seit Jahren für andere Marken Carbonlaufräder baue und mit der gesammelten Expertise nun eine eigene Marke herausbringt. Die Seite ist recht ordentlich gemacht. Neben vielen Marketing Statements werden auch ausschnittsweise die Qualitätstests beschrieben. Das ist ein bisschen ungewöhnlich für Herstellerseiten aus China, aber definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Vergebens sucht man nach spezielleren Angaben wie Windtunneltests, aber das ist bislang etwas, das man – wenn überhaupt – eher bei Westmarken findet. Die Seite kann auf die Sprachen englisch, deutsch und französisch eingestellt werden. Wählt man deutsch, werden einem teilweise ein paar verwirrende Übersetzungen dargeboten. Ich hab die Seite daher auf englisch gelassen.
Der direkt auf der Seite eingebundene Shop wirkt insgesamt sehr aufgeräumt und die Preise sind in Dollar angegeben. Möchte man kaufen, muss nicht wie bei vielen anderen chinesischen Retailern eine Anfrage per Mail gestellt werden, man kann direkt im Shop ordern.

Karvon legt in der Beschreibung ihrer Produkte viel Wert auf Haltbarkeit und Wertigkeit anstatt moderne Trends wie Ultraleicht oder Aerooptimierung in den Vordergrund zu rücken. Eine gute Wahl, wie ich finde, aber dazu später mehr.
Die Seite ist vielleicht auch deshalb so aufgeräumt und übersichtlich, da nur vier verschiedene Laufradsätze angeboten werden. Zwei Laufradsätze mit Carbonspeichen („C“ im Namen) und zwei mit Stahlspeichen („S“ im Namen). Die Nummer im Namen des Laufradsatzes steht für die Höhe der Felge. Die Spezifikationen sind wie folgt (Herstellerangaben):
| KVC58 | KVC45 | KVS50 | KVS40 | |
| Höhe | 58mm | 45mm | 50mm | 40mm |
| Speichenart | Carbon | Carbon | Stahl | Stahl |
| Speichenhersteller | T-Head Carbon (Vonoa?) | T-Head Carbon (Vonoa?) | Alpina | Alpina |
| Speichenzahl | 20/20 | 20/20 | 24/24 | 24/24 |
| Gewicht | 1348g | 1208g | 1440g | 1320g |
| Maulweite | 24mm | 24mm | 24mm | 24mm |
| Außenbreite | 30mm | 30mm | 30mm | 30mm |
| Nabe | H-Works SR288A 36 Tooth Ratchet | H-Works SR288A 36 Tooth Ratchet | H-Works SR330 36 Tooth Ratchet | H-Works SR288A 36 Tooth Ratchet |
| Preis | 1.158$ | 1.158$ | 868$ | 868$ |
Allen Felgen gemeinsam ist, dass sie mit Haken versehen sind, man braucht sich also keine Gedanken machen, wenn man mit höherem Druck fährt (kein Blowout, keine abspringende Reifen -> wir erinnern uns). Die Felgen haben keine Bohrungen für die Nippel, daher kann bei Tubelessmontage auf das Felgenband verzichtet werden. Das ist ziemlich nice, da man sich das Tubeless-Band bei der Montage der Reifen leicht kaputt machen kann. Auf der anderen Seite ist im Falle eines Speichenbruchs das Einfädeln eines Nippels etwas aufwändiger.

Die Laufradsätze haben kein Gewichtslimit. Auch nicht die Varianten mit 20 Carbonspeichen. Auf Wunsch kann man einen eigenen Sticker/Text mitbestellen, kostet 50$ extra. Den Laufrädern liegen Tubelessventile bei, jedoch keine Ersatzspeichen, diese können im Bestellvorgang auch nicht erworben werben. Das wäre gerade bei Carbonspeichen hilfreich, da diese in der spezifischen Konfiguration nicht mal eben beim Bikeshop um die Ecke nachbestellt werden kann – hier muss ich ein Update einfügen: seit meiner Bestellung wurde bei Karvon bereits nachgebessert und man erhält automatisch 3 Ersatzspeichen im Paket!
Bestellung, Lieferung und Unboxing
Man bestellt den Wunschlaufradatz direkt im Shop, der an die Homepage angeschlossen ist. Der Bestellablauf ist ebenso geradlinig wie unspektakulär: bis auf den Freilauf und die Möglichkeit, einen eigenen Aufdruck zu wählen gibt es keine weiteren Varianten. You get what you see. Keine Zusatzprodukte, keine Kombinationsmöglichkeit von Felgenhöhen, keine Auswahl verschiedener Rachtet-Abstufungen. Die Qual der Wahl entfällt bei Karvon.
Als ich den Karvon KVC45 im März 2026 bestelle, kostet er 1.158 $, was zu dem Zeitpunkt 984 € entspricht. Ich wähle den kostenlosen Versand inkl. Einfuhrabgaben mit dem chinesischen Versender WXY und werde auf eine Lieferzeit von 20-25 Tagen hingewiesen. Bezahlen kann ich mit Paypal oder Kreditkarte, aber ich bevorzuge ersteres.
Ich erhalte eine Trackingnummer von XDB, die ich über die Webseite von 17Track verfolgen kann. 15 Tage nach Versand kommt das Paket bei mir an. Keine Gebüren, kein Zoll, wie versprochen. DPD stellt das Paket wie in der Abstellgenehmigung festgelegt ab.

Der große Karton ist in tadellosem Zustand. Die Laufräder in dem großen Karton ebenfalls – sie sind gut geschützt untergebracht. Im Karton liegt außer den Laufrädern und der Ventile nichts bei.

Ich untersuche die Laufräder und kann konstatieren, dass sie 1A aussehen. Ein erster Spin am lila eloxierten Freilauf lässt ein herrlich knackiges Rattern des 36er-Ratchet-Systems hören.

In der Werksatt vom lokalen Radladen Wiegetritt spanne ich die Laufräder ein und kontrolliere die Zentrierung. Diese bewegt sich seitlich im Bereich von 0,1 mm Abweichung, was absolut in der Toleranz liegt. Abweichung in der Höhe ist Null.

Die Technischen Spezifikationen
Die Herstellerangaben sind oben ausgeführt. Als ich meine KVC45 Felgen vermesse, stelle ich erfreut fest, dass Hinter- und Vorderrad in der Außenweite bei 31,6 mm liegen anstatt wie angegeben bei 30mm. Die Maulweite ist dagegen ziemlich genau bei den angegebenen 24 mm.


Das gemessene Gewicht des Laufradsatzes lieg tbei 1.237 g zzgl. 11 g für die Ventile. Das liegt gerade noch so in der Range der Herstellerangabe /1.208 +/-30 g) und ist für eine 45 mm Felge ein sehr akzeptables Gewicht. Zum Vergleich: die 2.799 teuren Reserve 42/49 (unser Test) wiegen 1.376 g mit Ventilen.


Zudem bewirbt Karvon ihre Felgen nicht als Ultra-Leichtgewichte, sondern legen die Betonung auf die Langlebigkeit und Stabilität ihrer Produkte. Drücke ich auf die Flanken der Felge, kann ich das vorerst auch bestätigen: diese wirken keinesfalls dünnwandig und nachgiebig. Und wenn man bedenkt, dass die Felgen kein Gewichtslimit haben, ist das Gewicht des Laufradsatzes noch erstaunlich gering.
Die Felgen haben vorne wie hinten die identischen Parameter. Keine spezielle Aerooptimierung des Vorderrades, weder in der Außenbreite noch in der Maulweite der Felge. Die Form der Felge ist erkennbar für Windstabilität gebaut: die dicke Rundung zur Mitte hin lässt bereits erahnen, dass Seitenwind wenig Angriffsfläche geboten wird.

Die Ventile wirken sehr hochwertig. Die Alukappe hat eine Aussparung, mit der man den Ventilkern herausdrehen kann. Der Bikepacker in mir liebt solche Gadgets. Aber auch schon bei der Installation der Reifen ist das hilfreich – mit herausgedrehtem Ventilkern lassen sich die Reifen leichter ins Felgenbett drücken, da mehr Luft durch´s Ventil strömen kann. Einziges Manko der schönen Ventile: sie sind im installierten Zustand dann doch etwas kurz. Einen halben Zentimeter mehr hätte es gerne sein dürfen, einige Pumpenköpfe werden es hier schwer haben.

Die Installation des Continental Archetype Reifen (unser Test) mit 30 mm gestaltet sich absolur problemlos. Mit dem Schwalbe Drucktank springt der Reifen mühelos auf. Der Zipp Pressure Guide errechnet vorne 50/3,5 und hinten 53/3,7 psi/bar. Der so aufgepumpte Reifen baut mit 31,86 mm auf.

Das sind 0,26 mm mehr als die Außenbreite der Felge. Das aero-optimierte Maß von 105 (die Felgebreite ist 105 % vom aufgepumpten Reifen) erreiche ich also nicht. Aber ich bin so nah dran, dass ich mich entschließe, den 30er auch aufgrund des Fahrkomforts draufzulassen. Mit einem 28er Reifen hätte man den Marginal-Aero-Gain der 105er Formel umsetzen können, verzichtet dann aber auf den Komfort und die Kurvensicherheit des 30ers.
Besonderheiten des Aufbaus
Die Speichen und ihre nabenseitige Aufhängung

Die Carbonspeichen sind 4 mm breit und haben eine T-Head-Aufnahme. Sie sind somit als Straight-Pull-Variante in normale runde Einzelöffnungen in der Nabenflansch eingefädelt („captive spokes“). Es besteht also nicht die Gefahr, dass sie durch plötzliche Komprimierung (z.B. durch ein Schlagloch) aus der Nabenverankerung herausspringen.

Wie bei Carbonspeichen üblich, berühren sich die Speichen bei der Kreuzung nicht. Man braucht also keine Bedenken haben, dass sich die Speichen an den Kontaktpunten gegeneinander abschmirgeln.

Die Naben
Die Naben sind vom chinesischen Hersteller H-Works, der laut Hambini zu einer der besten Nabenherstellern zählt. Die Hinterradnabe mit dem DT-Swiss-style Ratchetsystem wirkt sehr wertig.

Die Endkappen sitzen satt drauf, sind vernünftig gefettet, um Feuchtigkeit draußen zu halten und alle Teile des Innenlebens wirken brillant. Das Innenleben ist durch eine Gummilippe vor Eindringen von Schmutz geschützt.
Es sind keine Keramiklager verbaut, aber darauf lege ich ohnehin keinen wert, da sie nicht nur übertrieben teuer, sondern ihre exzellente Rolleigenschaften aufgund der harten Keramikkugeln auch schnell einbüßen. Und vor allem klingt der Freilauf schon beim ersten Drehen sehr gut (das habe ich bei den 3 mal so teureren Reserve 42/49 mit 180er DT-Swiss-Naben anders erleben müssen).

Die Nippel – überraschend wohl durchdacht
Ein weiteres schönes wie erfreuliches Detail sind die sehr durchdacht konstruierten und außenliegenden Nippel: sie scheinen aus zwei Elementen zu bestehen. Aber die eine Mutter ist der Nippel, während das Konterstück zur Speiche gehört.

Möchte ich die Spannung verändern, kann ich die Speiche also an dem deutlichen Vierkant halten, anstatt dass ich die filigrane Carbonspeiche an ihrer Flachseite in ein Tool stecken muss, wie man das von Stahl-Messerspeichen gewohnt ist. Als Mechaniker bin ich von dieser super guten Wartungsfreundlichkeit der Nippel-Speichenkonstruktion entzückt. Das ziehe ich einem quasi nicht messbaren Marigal-Watt-Gain versenkter Nippel jederzeit vor.

Subjektiver Fahreindruck
Der Karvon KVC45 Laufradsatz hat es nicht ganz leicht bei mir. Ich hatte vorher nicht einen deutlichen schweren Alulaufradsatz mit Butylschläuchen. Denn wechselt man davon auf einen Carbonlaufradsatz mit TPU-Schläuchen oder Tubeless-Setup, dann kommt man aus dem Stauen nicht mehr heraus, wie spritzig das Rennrad auf einmal ist.

Die Laufrad-Vorgänger waren schon aus Carbon, mitunter der No.6 45/50, Reserve 42/49 oder Zipp 303S. Ich war also sehr gespannt, wie sich die Karvon dagegen schlagen werden.

Der erste Fahreindruck war sofort sehr positiv. Mein Rad schießt beim Antreten nach vorne, genau wie ich es vor allem von den No.6 45/50 gewohnt bin. Dazu trägt sicherlich das geringe Gesamtgewicht der rotierenden Masse bei: 1248 g der Laufradsatz, 540 g für die beiden Archetype Reifen, ca. 90-100 g für die Tubelessmilch und weitere 250 g für das Sram Force 12-fach Ritzelpaket. Wobei letzteres weniger ins Gewicht fällt, da es im Zentrum sitzt.
Und obwohl je Laufrad nur 20 Speichen zum Einsatz kommen, wirken sie KVC45 Laufräder extrem steif. Kraft auf´s Pedal wird ohne spürbare Verluste an den Asphalt weitergeleitet. Im Wiegetritt wirkt das Rad mit den Laufrädern wie ein Brett unter mir, also extrem reaktiv auf alles was ich an Kraft und Seitwärtsbewegung hineingebe. Das macht sich beim Sprinten bemerkbar – ich hatte nie das Gefühl, dass ich mit anderen Laufradsätzen schneller gewesen wäre. Hier liefert der KVC45 wirklich ab.

Die Folgevermutung wäre jetzt, dass die Steifigkeit zu Lasten des Komforts geht. Dem ist aber nicht so. Ich führe das hauptsächlich darauf zurück, dass ich mit 30er Bereifung unterwegs bin, die ich mit 3,5 (vorne) und 3,6 bar (hinten) fahre. Die Reifen sorgen an sich für enorm viel Komfort, sodass sich der Karvon Laufradsatz komfortabel fährt. Den niedrigen Luftdruck erreiche ich durch das relativ breite Maulweite, das Tubeless-Setup udn nicht zuletzt aufgrund des nicht allzu hohen Systemgewichts von 73 kg.
Die Windstabilität ist wie ich es erwartet hatte gut. Sie kommt nicht ganz an die Fähigkeit von No.6 45/50 oder den Reserves 42/49 ran, aber ich habe keine großen Schwierigkeiten auch bei seitlichen Windböen das Vorderrad auf Spur zu halten.
Der Karvon KVC45 Laufradsatz punktet also in allen Disziplinen sehr gut: Agilität, Steifigkeit, Komfort und Wind(un)anfälligkeit.
Im Vergleich zu meinen bisherigen Laufrädern schneidet er zu den No.6 45/50 und den Reserve 42/49 ein klein wenig schlechter ab in der Windanfälligkeit, er ist jedoch spürbar agiler als der Reserve 42/49 und ein bisschen weniger komfortabel als der No.6. Aber in allen Kategorien deutlich besser als der Zipp 303S.
Langzeitbewertung
Ich bin den Karvon KVC45 für diesen Test 1.500 km gefahren. Ich hatte keine technischen Auffälligkeiten in irgendweiner Hinsicht. Der angenehm ratternde Freilauf hat von der ersten Minute an einen guten Sound erzeugt. Es kann sein, dass er noch ein klein wenig lauter geworden ist, wie das bei den Ratchet-Systemen üblich ist, aber ich würde das nicht beschwören. Der Freilauf rattert wie am ersten Tag mit hörbarem aber nicht aufdringlich lautem Sound vor sich hin.

Den Felgen und Speichen ist an keiner Stelle anzumerken, dass sie 1.500 km runterhaben (bis auf den Staub vielleicht). Als ich den Freilauf abziehe bin ich regelrecht überrascht: er sieht innen aus wie am ersten Tag!

Die Dichtungen scheinen top zu funktionieren. Ich muss allerdings dazusagen, dass die Regenfahrten bislang nicht viele waren.

Die Lager (Stahllager) funktionieren so tadellos und geschmeidig wie am ersten Tag. Kein Verschleiß zu erspüren. Das habe ich schon anders erlebt (z.B. beim Zipp 303S).
Fazit: krass viel Gegenwert für´s Geld
Beim Laufradsatz Karvon KVC45 reden wir nicht von Ali-Billigkram. Man erhält hier einen sehr hochwertig konstruierten Laufradsatz mit geringem Gewicht (1.240g), ausgezeichneten Komponenten und hervorragenden Fahreigenschaften. Und das zu einem Preis von unter 1.000 EUR. Die Abwicklung im Shop ist ebenfalls sehr angenehm und die Lieferung direkt aus China ist ultraschnell für ein Packet dieser Größe.

Der Karvon KVC45 nimmt es von den Fahreigenschaften leicht mit der 3 mal so teuren Westmarke Reserve auf. Im Vergleich zu den Chinaherstellern würde ich ihn auf Augenhöhe mit einer der Topmarken von dort sehen: dem Farsport EVO S4. Dieser ist zwar 100 g leichter als der KVC45, aber die Dimensionen der Felge sind identisch und selbst die geniale Nippel-Speichen-Kontruktion ist gleich. Der Farsport kostet aktuell 1.559 $, also 400$ mehr als das Pendant von Karvon.
Karvon ist ein neuer Hersteller aus China, der beweißt, dass ausgezeichnete Qualität und Laufeingenschaften zu einem absolut fairen Preis möglich sind. Der KVC45 kommt ohne spezielle Aero-Optmierungen daher, bietet aber mit seinen technischen Grundspezifkationen zufriedenstellende Werte und geht durchaus als moderner Laufradsatz durch. Ich würde nicht zögern, diesen Laufradsatz zu empfehlen. Zumal seine Laufeigenschaften in Teilen besser sind als der Reserve 42/49 sind und das zu einem Drittel des Preises.

Ich bin gespannt, wie sich das Angebot bei Karvon entwickeln wird. Es wird sich lohnen, dort hin und wieder vorbeizuschauen.
Was meint ihr? Lieber die Westmarke für dreimal so Geld oder den spritzigeren Newcomer aus Fernost? Lasst gerne einen Kommentar hier.
