Im zweiten Jahr der Bremen555 bin ich auch wieder dabei. Diesmal mit einem leistungsstarken Team. Und mit anderem Equippment. Hier erfahrt ihr, ob ich meine Learnings umsetzen konnte bzw. weshalb ein Gravel-Rennen immer anders kommt, als man geplant hat.
Inhalt
Vorbereitungen auf die Bremen555
Ich war in Bezug auf die Bremen555 in 2026 anfangs unentschlossen. 2025 lief es gut für mich. Mit zwei Kollegen fuhren wir die zweitschnellste Zeit. Aber es war auch ein gewaltiger Akt, die damals 570 km im Selbstversorgermodus zu fahren. Nachlesen könnt ihr das hier.

Aber als mich für die 2026er Edition ein Vereinskollege anspricht, ob wir nicht gemeinsam fahren wollen, sage ich zu. Schnell findet sich noch ein weiterer Kollege. Da wir alle Ü50 sind melden wir uns als Elder Trio an. Aber es wird noch ein 4. und ein 5. zu uns stoßen. Alles starke Leute und je größer das Team, desto mehr Wechsel beim Fahren gegen den Wind auf den Deichabschnitten.
Denn die Bremen555 ist ein Gravelrennen, dass zwar viel über Waldwege, Schotterpisten und Wiesen führt, aber auch einige Anteile an Asphalt hat und hier im Norden der Republik gibt es in der Regel immer gut Wind, gegen den an anfahren muss.
Es gibt übrigens heuer zwei Varianten: die 555 und die 777. Aber die auf 590 km angewachsene Distanz der 555 reicht mir völlig. Das Elder Trio (bzw. Quintett) ist sich einig, dass wir es in 2 Tagen bewältigen wollen und zwischendrin ein bisschen Schlafen wollen.
Und als ältere Herren, die wir nunmal sind, buchen wir uns ein Appartment, das wir nach 320 km erreichen werden. Ein weiches Bett und eine Dusche in Aussicht wird uns motivieren, durchzuhalten.

Was mein Equippment angeht bin ich dieses Jahr komplett anders aufgestellt. Ich nehme meinen alten Graveler, den ich mittlerweile auf eine elktrische 1×12 Sram Force mit Eagle Schaltwerk umgerüstet habe, sodass ich eine 10-50 Kassette farhen kann. Leichte Gänge zu haben ist vorteilhaft, das Learning hatte ich schon auf der Shelter Attack Tour ein paar Wochen zuvor in Dänemark gemacht. Außerdem habe ich hier dran einen Lenker, der an der Vorbauklemmung Platz bietet für einen Zeitfahraufsatz. Das Lenken wird dadurch etwas schwerfällig, aber ich entscheide mich dennoch dafür und werde mich dazu während der Tour mehrfach selbst beglückwünschen.
Der Rahmen nimmt bis zu 54mm Reifen auf, aber ich entscheide mich für die 45er Pirelli Cinturata Gravel M, die auf der 26mm-Maulweite der 9Velo Gravel Laufräder auf 46,5 mm aufbauen. Ich fahre sie mit 2 bar, was für einen angenehmen Dämpfungskomfort im Gelände sorgt.

Und ich setze auf anstatt auf einer Arschrakete diesmal auf das traumhaft gute Gepächträgersystem von Tailfin – ein minimalistischer Tripod mit einer fest verbauten Tasche mit Rollverschluss. Dort kommt meine gesamte Kohlenhydratversorgung hinein, das Werkzeug und alles, was ich zum Übernachten brauche, was nicht viel ist, da mich ein frisch bezogenes Bett und ein Badezimmer mit Handtüchern erwartet.
Das Rennen
Waren letztes Jahr 180 Starter dabei, sind es dieses Jahr weitere 270. Es wird an zwie Tagen gestartet. Da wir das Ganze in 2 Tagen machen wollen, entscheiden wir uns für den späteren Start, Freitag den 19.06. Morgens um 7:00 Uhr rolle ich mit Teamkollege Markus nach Bremen an den Start, wo wir auf Nikas und Arno stoßen. Der fünfte Mann ist durch einen Trainingsunfall ausgefallen. Ok, also Elder Quartett. Der Start am ehemaligen Kelloggsgelände in Bremen ist genauso episch wie in 2025: fast alle 180 heute startenden haben das Eventtrikot an, das man beim 200 EUR Startpreis mit erwirbt.

Da wir wissen, dass wir schnell sind, stellen wir uns ganz vorne in die Aufstellung und verlassen die große Halle um 8:30 Uhr als erstes. Ich gehen nach vorne und steuere unsere Gruppe mit 32-35 kmh durch Bremens Schalchtepromenade, vorbei am Werder-Stadion und weiter zum Hafengebiet. Schon nach wenigen Kilometern stellen wir fest, dass wir eine Gruppe von kaum 10 Leuten sind und hinter uns niemand mehr. Gut so.

Aber bei km 12 müssen wir schon wegen des ersten Platten anhalten. Markus fährt zwar tubeless, aber die Milch möchte nicht so recht abdichten. Einen Plug rein und es kann weitergehen. Wir sind nicht wirklich von vielen überholt worden und es wird der einzige Plattfuß unseres Teams auf der gesamten Reise sein.

Wie letztes Jahr geht es bald ins Gelände. Und wie die Stunden so dahinfliegen, steigt die Temperatur. Noch letzte Woche hat es viel geregnet bei nächtlichen Temperaturen im einstelligen Bereich. Aber mega pünktlich zum Start der Bremen555 hält der Sommer Einzug. Und er tut das mit voller Wucht. Die Temperaturen werden auf über 36° klettern und wird unter den Teilnehmenden ihren Tribut fordern.

Und zu der heißen Trockenheit tagsüber gesellt sich noch ein anderes Momentum dazu: die Wärme hat sich letzte Nacht in ein Hithegewitter mit anhaltendem Starkregen entladen und wird das auch akommende Nacht tun. Das hat alle Waldwege in gnadenlose Schlammtümpel verwandelt. Schon kurz nach dem Start sind wir von oben bis unten mit Schlamm bedeckt. Und das Fahren in den Waldpassagen – von denen es reichlich gibt – wird zu einer rutschigen Herausforderung.

Also haben wir sengende Hitze in Kombination mit total aufgeweichten Waldböden. Einer aus unserem Team wird zwei Mal im Schlamm stürzen, sich aber nicht allzu schlimm verletzen.
In der unbarmherzig knallenden Sonne fahren wir durch die Lüneburger Heide. Hier liegen fast die kompletten 1.000 Höhenmeter der Rundfahrt. Uns geht das Wasser allmählich aus. Aber am ersten Checkpoint nach 139 km erwartet uns Veranstalter Olli Gehrking mit einem Cycle Café und frischem Wasser. Ich fülle meine drei leeren Flaschen auf und spüle die Matschkruste von Armen und Beinen ab. Nach 45-minütigem Aufenthalt rollen wir weiter.

Wir fahren gegen den Wind nördlich an Lüneburg vorbei. Bei km 166 auf dem Deich des Elbe Seitenkanals rafft die Hitze einen von uns dahin. Arnos Puls geht nicht mehr unter 170 runter, er muss abbrechen und kehrt Richtung Lüneburg zurück. Das ist die einzig vernünftige Eintscheidung. Es wird vielen so ergehen. So einige, die die 777 fahren wollten, entscheiden sich für die kürzere 555 um und 15% des Fahrer*innenfeldes wird aussteigen, ganz wenige davon wegen technischer Defekte.

Wir drei verbleibenden treten weiter. Markus drückt unerbittlich aufs Gas. Aber ich mache das auch, wenn ich vorne bin. Bei km 200 merke ich, dass mein Kopf ganz matschig ist. Die heiße Brühe aus meinen Trinkflaschen können daran auch nichts mehr ändern. Ich bitte die Jugns darum, dass wir irgendwo, wo es frisches Wasser gibt, eine Pause machen. Zu unserem Glück finden wir wenig später einen Campingsplatz an der Elbe, wo wir den Wasserhahn benutzen dürfen.

Ich bin kurz vor dem Hitzekollapps. Und mit Erstaunen muss ich feststellen, dass es den anderen beiden knallhart fahrenden Kollegen genauso ergeht. Nikas kann nichts mehr essen, ihm ist schlecht, er denkt ans Aussteigen. Markus stellt sich in Schuhen und Klamotten komplett unter die vorhandene Dusche. Wir kühlen uns so lange ab, bis wir alle wieder einen kühlen und klaren Kopf haben. Und fahren dann weiter. Aber wir beschließen, jetzt besser auf uns acht zu geben und Kühlungspausen einzulegen.

In Hamburg halten wir bei km 238 an der ersten Tanke, auf die wir treffen. Jeder holt sich ein eisgekühltes Getränk, das wir in den gekühlten Räumlichkeiten der Tanke zu uns nehmen. Und die liebe Kassieren schenkt uns die belegten Brötchen, die sie nicht hat verkaufen können. Trail Magic. Als ich die Tanke verlasse, friere ich regelrecht. Herrlich.

Es ist mittlerweile 20:30 Uhr, die drückende Wärme ist zwar noch da, aber die Sonne knallt nicht mehr so unerbittlich. Wir fahren durch den Fußgänger-Elbtunnel und sind bald darauf am 2. Checkpoint bei km 248. Dort finden wir erstaunlich viele von den heutigen Startern vor. Man erkennt sich wieder. Da ist auch der Typ, der 2 min vor uns ins Ziel kommen wird, ich meine er heißt Thomas. Wir haben jetzt noch 70 km bis zur Unterkunft.

Gegen 23:30 Uhr sind wir in Stade und kehren bei McDonalds ein. Der einzige Laden, der jetzt noch geöffnet hat. Und auch wenn es Fast Food ist, tut es unglaublich gut, was defitiges in den Magen zu bekommen. Um 1:00 Uhr erreichen wir das Appartment. Wir entspannen uns ein wenig, duschen und um 2:00 Uhr geht für 4 h das Licht aus. In der Nacht gewittert es erneut ordentlich. Ich bekomme davon nichts mit (außer zu anfang die in den Sturmböen schlagenden Fenster), denn die kurze Nacht ist nur ein schwarzes Loch. Ich weiß es nicth genau, aber vielleicht geht der Körper nach einer solchen Anstrengung augenblicklich in den Tiefschlafmodus, um möglichst alles aus der eintretenden Pause rauszuholen.



Um 6 geht der Wecker und alle sind wach. Die Bremen555 ist kein echtes Rennen. Es gibt keine Zeitnahme und keine Siegerehrung. Und dennoch verhalten sich viele, als wäre es eins. Auch wir. Als wir um 7 Uhr vor der Abfahrt noch die gegenüberligende Bäckerei entern, ist diese quasi überannt von drahtigen Radfahrern in den 555-Farben. Die Himmelpfortener Dorfbewohner tun mir schon ein bisschen Leid, dass wir ihre Mogenroutine beim Bäcker heute total durcheinanderbringen.
Wie der Zufall es möchte treffen wir in der Bäckerei die Vereinskollegen Arne, Robert und Viktor. Die hatten draußen geschlafen und waren nicht wirklich viel zur Ruhe gekommen. Nach Kaffee und Bröthcen starten wir mit ihnen zusammen los. Aber da unser Team seiner Gewohnheit gemäß wieder ordentlich auf die Tube drückt, verlieren wir die drei alsbald wieder. Es geht weiter Richtung Westen und kurz unterhalb von Cuxhaven stoßen wir an die Nordseeküste, um gen Süden und Richtugn Bremerhaven abzudrehen. Wieder gegen den Wind. Aber jetzt führt der Weg am Deich entlang überwiegend auf Asphalt. Ideal für Einerreihe in der abwechelnd im Wind gearbeitet wird. Durch die Triathlonauflieger kann ich mich super entspannt ablegen, ohne dass ich im Trizeps hänge.

Aber die Hitze ist längst wieder zurück und wir machen Stopps wo wir einen Wasserhahn finden oder kalte Getränke kaufen können. Wir werden die gesamten 590 km mit einem Schnitt von 25 kmh gefahren haben, aber die vielen Pausen hauen uns immer wieder zurück. Wir überholen an diesem zeiten Tag viele von den Doonerstags-Startern. Aber wir treffen auch immer wieder auf die Jungs, denen wir schon beim 2. Checkpoint begegnet sind. Kurz vor Bremerhaven gabeln wir dann wieder Arne auf, mit dem wir gefühstückt hatten. Sein beiden Team-Mates mussten aufgrund der Hitze aufgeben. Arne freut sich reisig udn wir uns auch. Denn jetzt sind wir zu viert gegen den Wing und werden auch zu viert das Ziel erreichen.

Der Abschluss
Mit der Fähre setzen wir nach Blexen rüber. Die Fähre ist voll von 555-Fahrern. Ich weiß jetzt, dass man an den Nummern erkennen kann, wer davon am Donnerstag und wer wie wir am Freitag gestartet ist. Sind die Nummern hoch (ab 300), sind es Freitagsstarter. Davon sind nur sehr wenige an Bord. Und diese wenigen zischen natürlich als erstes von Bord und hängen sich alle an unser Team. Aber da wir Druck machen, sind auch bald alle wieder abgeschüttelt. Natürlich versammeln sich alle bei km 456 am dritten und letzten Checkpoint. Und wir werden sie noch ein Mal bei km 485 beim Stopp bei Lidl in Varel sehen, aber bis zum Ziel danach nicht mehr.

Wir überholen aber weiterhin ständig gemütlicher fahrende Donnerstags-Starter. Aber allmählich sind wir alle durch. Irgendwie tun alle Körperteile weh. Ständig werden wir durch die nächste und die nächste Rüttelpiste geführt. 80 km vor dem Ziel hält uns vier nur noch ein Wunsch zusammen: dass es endlich vorbei sein möge. In Vegesack taucht noch ein Fahrer vor uns auf. Ich sage zum Team, dass wir uns den noch holen.
An der Grafittiwand entlang die Weser runter gehe ich nach vorne und ziehe das Team mit 42 kmh auf den Typen zu. Aber der kommt quasi nicht näher. Zum Schluss überholen wir ihn dann doch, aber wir haben dabei die letzten Körner verbrannt. Es ist dieser Thomas (falls er so hieß), netter Typ, der nach ein bisschen Gequatsche wieder anzieht und uns zurück lässt.

Der Thomas kommt 2 Minuten vor uns ins Ziel. Er ist der Zweite von den Freitagsstartern, die am Samstag ankommen. Unser Team die Dritten. Als uns Olli dies offenbart und uns ein eiskaltes Bier in die Hand drückt, fängt irgendwie gleich die Regenerationan. Plötzlich fühlt es sich gut an. Endlich. Es ist 20:30 Uhr. Es sind exakt 36 Stunden seit dem Start vergangen. Unsere Nettofahrzeit liegt bei 23:11 Minuten. Wir lungern im Zielbereich noch eine Weile rum, dann radel ich nach 600 km noch weitere 13 mit Markus nach Hause. Aber jetzt ist alles gut. Wir waren gut.
Tipps zum Setup, falls du sowas auch mal vorhast:
- ich hab breite Reifen mit wenig Luftdruck genutzt. Das ist eine Zauberformel für sicheres Offroad-Fahren. Ich war zwar ganz schön am Rutschen im Schlamm, aber konnte dennoch die Trails viel schneller fahren als Teilnehmer mit dünneren Reifen. Nächstes Mal werde ich noch dickere Reifen nehmen
- Kleine Gänge: auch wenn mal überm Deich schnell gefahren wird: wichtiger als dicke Gänge sind leichte Gänge. Damit kommt man viel besser die Steilpassagen hoch, durch die Matschlöcher oder den tiefen Sand
- ich hab Auflieger (Triathlonaufsatz) benutzt. Das ist bei den heutigen integrierten Aerocockpits kaum noch unsetzbar, aber wenn du einen runden Lenker hast, dann fahr mit solchen Dingern. Das entspannt den ganzen Oberkörper und gegen den Wind kann man easy 2-3 kmh schneller fahren
- mein Gepäcksystem ist das Tailfin aus England. Es ist teuer, aber mit das Beste, was man sich ans Rad schrauben kann. Es sei denn, man nimmt so wenig mit, dass sich der 20 Liter Kofferraum nicht lohnt
- Cremes: ich benutze Kaufmanns Kindercreme am Popo. Ist ein Zaubermittel gegen Wundsein. Sonnencreme an den exponierten Stellen beim Fahren. Abends Aftersun-Lotion, die wirkt kühlend und fühlt sich einfach sehr gut an nach einem kompletten Tag in der Sonne
- Fueling: meine persönliche zauberformel gegen Bonking ist eine Flasche Zuckerwasser (160g Haushaltszucker plus Elektrolyte bei 600 ml Fassungsvermögen) und eine Flasche mit dem Isodrinkzeugs deiner Wahl. Dazu habe ich belegte Vollkornbrote, die ich in den Pausen esse, immer nur eins zur Zeit. Das hält mich am Laufen und ich bin nicht auf Supermärkte angewiesen. Jeder muss natürlich selbst herausfinden, was für am Besten passt. Aber die Leute, die sich den ganzen Tag Gummibärchen reinschaufeln, klagen quasi alle über Übelkeit und Bauchschmerzen
- ich fahre tubeless. Taten wir alle im Team. Wir hatten einen einzigen Durchstich (den wir bemerkten). Ist mit einem Plug (von Dynaplug) schnell geheilt. Neben der hohen Pannensicherheit reduziert tubeless den Rollwiderstand und senkt das Gewicht der rotierenden Masse der Laufräder. Bis auf das Geschmotze beim Reifenwechsel also nur Vorteile. Aber man muss einen Plug und eine Pumpe mitführen, alles andere wäre fahrlässig
Auch mal mitmachen? Informiere dich über die Bremen555 auf der seite www.bremen555.de/































