Pirelli nennt ihre Gravelreifen-Serie Cinturato. In zwei 600 km langen Gravelrennen musste der Gravel M zeigen, was er kann. Lest hier, wie es mir damit ergangen ist.
Inhalt
Pirelli Cinturato Gravel M – Rollwiderstand
Ich bin früher schon den Cinturato Gravel H gefahren. H steht für Hard Terrain, also harten Untergrund. Der Reifen hatte wenig Profil, zu wenig für meinen diesmal beabsichtigen Einsatz. Daher fiel die Wahl auf den M, das für Mixed Terrain steht und er hat deutlich mehr Profil. Und ich hab ihn in der Variante 700x45C gewählt. Es gibt ihn aber auch in 35, 40 und 50. Als 45 und 50 auch in 650B. Alle Varianten mit Gewichtsangaben finden sich tabellarisch auf der Herstellerseite: Pirelli Site
Auf der Seite von Rolling Resitance landet der Pirelli Cinturato Gravel M mit 21,7 W Rollwiderstand irgendwo im mittleren Drittel des Felds aus 164 getesteten Reifen, das bei 11,4 Watt Widerstand beginnt und bei 32 Watt endet. Dass breitere Reifen einen geringeren Rollwiderstand haben können beweist der Cinturato Gravel M 45 im direkten Vergleich zu seinem schmaleren Bruder M 40, der einen Watt mehr Rollwiderstand hat.

Unboxing und Specs
Der Pirelli Cinturato kommt gefaltet und mit einer kleinen Umhüllung im Packpapierstyle.

Auf der Innenseite der Packung gibt es ein paar Bild-Hinweise für die Tubeless-Montage, das ist ein nices Gimmick.

Was nicht so schön auffällt, sind die 1.000 kleinen Härchen auf der Lauffläche. Das kann nicht gut für den Luftwiderstand sein und es sind viel zu viele, als dass ich mit der Knipex versuchen würde, sie alle abzuknipsen. Aber nach der ersten Langdistanzfahrt werden sie alle weg sein.

Laut Pirelli liegt das Gewicht bei 570 g je Reifen. Selbst gemessen jedoch bei 614 g. Diese Varianz zeigte sich auch schon bei Pirellis P-Zero Race (unser Bericht).
Montage
Ich installiere den Reifen auf der Felge GR35 2.0 des chinesischen Herstellers 9Velo. Die Carbonfelgen haben eine Maulweite von 26 mm und sind ohne Bohrungen konstruiert, sodass ich mir das Felgenband sparen kann.

Ich bekomme den Reifen gerade noch so mit den Händen auf die Felge. Der Reifen hat eine Laufrichtung, die es zu beachten gilt.

Ich fülle ca. 80 ml Dichtmilch hinein und mit dem Drucktank von Schwalbe springt der Reifen beim ersten Versuch sofort ins Felgenbett.

Im installierten Zustand misst der Reifen 46,5 mm und erinnert optisch eher an einen 50er Reifen.

Auf der Seite von Pirelli gibt es einen Kalkulator für den Reifendruck, der im Expert-Modus die wichtigen Parameter abfragt. Ich pumpe den Reifen auf 1,9 bar, hinten auf 2,0.
Fahreindruck
Der Reifen fühlt sich sofort beim losfahren nach viel Komfort an, ohne dass er in den Kurven schwammig wirkt. Und das bei einem Druck von weniger als 2 bar. Kleine Hindernisse oder Kopfsteinpflaster merke ich kaum. Als hätte mein Gravelbike eine eingebaute Federung. Die Reifen machen richtig Spaß. Und sie fühlen sich auf Asphalt schnell an. Sie machen ein ganz sonderbares Geräusch, ein bisschen wie ein leises Radiorauschen. Sind aber definitiv nicht so hörbar wie manch anderer Reifen mit ähnlich ausgeprägten Stollen.

Im Gelände auf der Shelter Attack Tour an Pfingsten werde ich mich richtig über diesen profilierten Reifen mit angenehm niedrigem Luftdruck freuen: er rollt komfortabel über die Unebenheiten der Dänischen Trails und Waldwege und bietet stets genug Gripp, dass ich ein sicheres Fahrgefühl habe. Die Dämpfung ist so gut, dass ich das Gefühl habe, weniger Fatigue in den ruppigen Geländepassagen zu haben. Und dennoch: teilweise werden die Pisten so grob, dass es mich dann doch ganz gut durchschüttelt und in mir keimt der Wunsch auf, dass ich ihn in der 50er Breite hätte nehmen sollen.

Dieser Eindruck wird sich beim nächsten Gravelrennen 3 Wochen später, die Bremen555, noch verstärken. Denn hier kommt eine Besonderheit auf mich und den Reifen zu: nachts hat es lange und in Strömen geregnet. Beim Start scheint die Sonne und alles ist trocken, aber sowie wir in eine Waldpassage fahren, besteht der Untergrund aus aufgeweichten Trails und Matschlöchern. Und hier kommt der Pirelli Cinturato Gravel M in 700x45C leider sehr ins Schleudern.
Natürlich pushe ich durch die Morastflächen, aber nachdem mir ein paar Mal der Vorderreifen weggerutscht ist und ich mich fast hingelegt habe, werde ich vorsichtiger. Der Reifen hat einfach wenig Gripp im Schlamm. Vielleicht haben die andern Teilnehmer diese Probleme auch, aber der Gravel M zeigt in diesen Passagen definitiv keine Stärke.
Ansonsten kann ich mich nicht beklagen. In Dänemark an der Strandkante ist der 45er am Ende: er gräbt sich in den Sand ein. Aber das tut auch der 2.2″ (57mm) Reifen meines Kollegen. Der Trick besteht besteht jetzt darin, die Luft bis auf ca. 0,5 bar abzulassen und schon kann ich mit dem Cinturato ausgezeichnet durch den Sand treten.

Preis-Leistung
Der UVP-Preis liegt bei 81,90 EUR. Damit bewegt er sich preislich im oberen Drittel. Online kann man ihn für knapp unter 70 EUR erstehen. Im gemessenen Rollwiderstand bekommt man hingegen das mittlere Drittel. Es gibt auch leichtere 45er Reifen mit ähnlich viel oder mehr Pannenschutz. Technisch schneidet er im Preis-Leistungs-Verhältnis nicht sehr gut ab, aber auf der anderen Seite steht meine Fahrerfahrung damit und hier bescheinige ich im eher gute Noten, mit ein Abzug für den schlechten Grip im Matsch. Wenn dieser Artikel erscheint, bin ich ihn ca. 2.500 km gefahren. Ich hatte mit dem Tubeless Setup nicht eine Panne. Das Profil hat ebenfalls kaum nachgelassen.
Fazit – Graveldigger oder Asphaltgrinder?
Dieser Reifen fühlt sich definitiv im Gravel zu Hause. Er rollt gut auf der Straße, aber sowie die Fahrbahn unbefestigt und ein bisschen uneben wird, merkt man unweigerlich, dass er hier hingehört. Im milden Gelände oder auf Gravelautobahnen findet der Pirelli Cinturato Gravel M in 700x45C seine Bestimmung. Mixed Terrain eben. Werden die Pisten ruppiger würde ich auf jeden Fall den größeren Bruder in 700x50C in Betracht ziehen. Und für matschige Verhältnisse dürften es noch ein wenig gröbere Stollen sein.
Der Pirelli Cinturato Gravel M ist ein Meister des Gravels mit Tendenz zu einem guten Allrounder. Dafür spricht auch, dass er auf Asphalt fast keine Laufgeräusche macht. Und die Härchen des Neuzustands sind ziemlich schnell weggefahren.









