Als mich der Vereinskollege fragt, ob ich Bock hätte, über das lange Pfingstwochenende eine 600-km-Bikepacking-Graveltour durch Dänemark zu fahren, zögere ich nicht lange. Dänemark kenn ich gut und Land und Leute sind super angenehm. Dass ein solches Format eine recht harte Angelegenheit ist, verdränge ich erstmal und werde auf der Tour wieder daran erinnert. Hier mein Bericht dazu.
Inhalt
Shelter Attack, was ist das überhaupt?
Shelter Attack ist ein vom Kieler Hackenpedder (Link: Hackenpedder Bikepacking) organisiertes Gravelrennen mit etwas über 600 km. Start und Ziel der Rundfahrt ist in Flensburg.

Wie so häufig bei solchen Events gilt, dass es kein echtes Rennen mit Zeitnahme ist und dass jeder für sich selbst klarkommen muss, selfsupported eben. Es gibt im September einen Massenstart für die Tour in 2026. Aber wir werden es im „auf eigene Faust“ Modus machen, also individual Time Trial. Und auch das nicht so wirklich ernsthaft, denn es soll eher ein 4-Tage-Urlaub in Dänemark für uns sein, denn ein Rennen mit einem möglichst schnellen Durchlauf, wie ich es bei der ähnlich langen Bremen555 gemacht habe.
Was sind dänische Shelter?
Im Gegensatz zu den skandinavischen Nachbarn Schweden und Norwegen ist in Dänemark wildes Campen nicht erlaubt. Stattdessen gibt es im Land ca. 3.000 angelegte Schutzhütten bzw. Flächen, die für´s Übernachten im Freien benutzt werden dürfen. Und wenn die Dänen sowas anbieten, dann hat das auch Hand und Fuß.

Die Shelter sind miniaturisierte Blockhütten mit einem kleinen Eingang. Darin ist man extrem gut vor den Witterungsbedingungen geschützt (Regen, Sturm, nächtliche Taufeuchte) und die Hütten liegen in der Regel in einem Gebiet, dass nur zu Fuß (oder mit dem Rad) erreicht werden kann, fernab von Verkehrslärm. Normalerweise sind auch Sitzmöglichkeiten und eine Feuerstelle vorhanden, manche sind sogar mit einem Wasserhahn und einer Toilette ausgestattet. F

ür den zum draußen schlafen geneigten Abenteurer bedeutet das, dass auf die Mitnahme eines Zelts verzichtet werden kann. Das ist schon echt klasse, was die Dänen da auf die Beine gestellt haben, davon könnte sich manch große Nation was abgucken.
Start in Bremen
Um uns auf die 600 km in 4 Tagen in Dänemark konzentrieren zu können, reisen wir nach Flensburg mit dem Regionalexpress aus Bremen an. Dass wir an einem Freitagnachmittag in die Hochphase der Berufspendler geraten, war uns nicht klar. Außerdem sind viele Pfingst-Radtouristen wie wir unterwegs. Der Zug, der uns von Bremen nach Hamburg bringt ist gerammelt voll. Wir stehen mit 5-6 Fahrrädern im Bereich zwischen den beiden Einstiegstüren und bei jedem Halt spielen wir Tetris, um Ein- und Ausstieg für weitere Passagiere möglich zu machen. Ich bange um mein Rad, dass im Gedränge nicht versehentlich Scheibenbremsen oder das Schaltauge gestaucht werden. Und es ist unerträglich heiß, denn pünktlich zu Pfingsten zeigt sich zum ersten Mal in diesem Jahr der Sommer.
Flensburg

Nach der quälenden 4-h-Zugfahrt fast komplett im Stehen empfängt uns ein angenehm sommerlich-warmes Flensburg. Es ist schon abends, aber für heute müssen wir nicht weit. Wir sind übrigens 3 Gravelbiker: Axel, Florian und ich. Unsere Räder sind vom Setup unterschiedlich, aber dazu später mehr. Wir müssen heute nur bis nach Kollund knapp oberhalb der Dänischen Grenze. Dort erwartet und das Luxus-Schelter des Vereins Naturunivers.

Es gibt neben fließend Wasser sogar eine Dusche und ein WC. Florian war vorausschauend und hat uns eines der 5 Shelter gebucht, denn sie sind tatsächlich alle bis auf unseren belegt. Oftmals sind die Shelter nicht im Voraus buchbar und dann gilt das Prinzip „Först till Mölle“ (wer zuerst kommt, mahlt zuerst). Da kann es schonmal sein, dass man den nächsten Shelter ansteuern muss.
Samstag, erste Etappe nach Bræstrup
Gut ausgeschlafen packen wir unsere Sachen zusammen, frühstücken und rollen los. Wir haben es zum Glück nicht eilig. Am ersten Tag stehen 143 km auf dem Programm. Wir haben uns an den 4 Etappen der Shelter Attack Tour orientiert. Falls wir mehr schaffen sollten, würden wir das auch machen.

Es geht quasi vom Start an ins Gelände, also unbefestigte Wege zwischen Feldern und durch Wälder. Unser Streckenplaner Florian hat uns im Vorfeld mit dem Hinweis beruhigt, dass 50% der Route auf Asphalt sei. Für unseren ersten Tag stimmt das auch einigermaßen. Es ist warm und wir haben den Wind von hinten.

Es geht an der sehr schönen dänischen Ostküste entlang. Die Route lässt sich gut fahren bis auf ein Waldstück, das so verblockt und versumpft ist, dass wir umkehren und das Gebiet umfahren müssen. Ausgerechnet dort hat Axel einen Platten, der der einzige unseres Trios auf der ganzen Tour bleiben soll. Aber während wir dort stehen und einen neuen Schlauch einziehen, stechen mich so viele kleine Viecher, dass ich noch Wochen später an den Beinen mit roten Punkten übersäht sein werde.
Als wir das Ende der ersten Etappe erreichen ist es nicht besonders spät und wir entscheiden uns, weiterzufahren. Die Strecke ist so angelegt, dass sie ihrem Namen gerecht wird: man kommt immer wieder direkt an den Sheltern vorbei. Wir entscheiden uns für eines mit Toilette und Wasserhahn in Bræstrup.

Der Wasserhahn ist in 1m Höhe installiert, sodass man sich für die Dusche in dem eiskalten Wasser ziemlich verrenken muss, aber es ist herrlich nach dem warmen Tag. Wir haben unsere Gaskocher mit und machen es uns vor dem Shelter mit warmen Essen gemütlich. 185 km im Sattel macht das Essen wohl schmeckend. Danach geht´s ab in die Koje. Nachts wird es trotz des warmen Tages auf knapp unter 10° runtergehen und wir müssen uns ordentlich was anziehen, um die Nacht in unseren Sommerschlafsäcken überstehen zu können.
Tag 2, rüber zur Westküste
Es ist frisch morgens, aber wir können nach einem Frühstück am Shelter in kurz-kurz mit Windweste losstarten. Der Tag wird jedoch noch ziemlich heiß werden und der Untergrund herausfordernd. die ersten 90 km schiebt und der Track durch verblockte Waldtrails, schmale Wanderpfade durch Heidelandschaften und über Kies jeglicher Größenordnung und die Sonne grillt von oben.

Wir holen uns mehrmals kalte Getränke und halten an Wasserhähnen, um uns zu erfrischen und die Flaschen aufzufüllen. Am Ende sind wir so zermürbt vom Offroadfahren, dass wir das letzte Stück von Shelter Attack Track abweichen und über Asphalt nach Skjern fahren.

Nach 136 km finden wir ein Shelter nahe gelegen an einer Schulgebäude, wo wir einen Außenwasserhahn finden. Außerdem ist dort das Vereinsheim des Skjern Cykle Klub mit gemütlichen Außensitzplätzen.

Wie wir da sitzen kommt ein Klubmitglied und lädt uns auf eine Dose eiskalter Cola ein. Trail Magic.

Tag 3 – Übernachten am Fluss
Heute führt uns der Track auf echte Tuchfühlung mit der Westküste. Wir werden überwiegend harten Gegenwind haben.

Richtig hart wird es, als wir durch die Dünen fahren müssen. Der Weg ist so rumpelig und voller Löcher mit Pulversand, dass wir total am Ende sind, als wir da endlich rauskommen. Aber das war erst der Vorgeschmack, denn die nächsten ca. 10 km geht es am Houstrup Strand entlang: direkt an der Wasserkante durch Pulversand bzw. ein durch’s Wasser so aufgeweichter Matsch, dass es unmöglich ist zu fahren.

Selbst Florian mit seinen 2.1″ Reifen sackt im sumpfigen Sand ein. Dann fällt mir der alte Trick ein, Luft abzulassen. Und siehe da: mit ca. 0,5 bar kann ich auf einmal mit bis zu 16 kmh fahren. Ich hole sogar einen anderen Bikepacker ein, der wie wir die Shelter Attack im ITT fährt.

Zu spät merke ich, dass Florian und Axel längst abgebrochen haben und zum Asphalt zurückgekehrt sind. An der nächsten Stelle tu ich es ihnen gleich und nehme die Landstraßen, um mich in Børsmose Strand wieder mit ihnen zu vereinen, wo wir am Camping ein Sandwich essen.

Danach geht es noch kilometerweit über Schotter durch ein stillgelegtes Militärgebiet, weiterhin mit hartem Gegenwind und grillender Sonne. Das zieht uns jetzt so richtig den Stecker und wir sind nicht erpicht darauf, noch ewig lange weiterzufahren. Etwas hinter Esbjerg finden wir nach 136 km bei Kongeå ein Shelter, das an einem Wasserlauf liegt.

Neben Toilette und Frischwasserhahn können wir hier also auch noch etwas schwimmen. Super herrlich nach dem warmen Tag und um die Muskeln ein bisschen anders zu bewegen. Ich wasche den salzverkrusteten Baselayer und die Socken, die wahrlich nicht gut riechen.
Aber auch wenn wir heute nicht ganz so viel geschafft haben, sind wir zufrieden. Denn nach Flensburg sind es nur noch knapp 120 km und wir müssen von dort noch ganz nach Bremen zurück.
Tag 4 – gefinished und richtig am Ende
Unser letzter Tag ist vergleichsweise unspektakulär. Vielleicht wählen wir nach den Strapazen der letzten Tage auch die Waldwege ab und bleiben auf Asphalt. Wir hatten schon am Tag 2 den Ehrgeiz aufgegeben, den Track exakt nachzufahren. Es hat auch keiner von uns die Checkpoint-Bilder gemacht, um in der „Hall-of-Fame“ aufgenommen zu werden. Es war wie eingangs erwähnt auch eher als Urlaub geplant.

Kurz vor der Grenze ballern wir uns noch ein paar dänische Pølser, rote Gekochte im Brötchen mit allerlei Soßen und Röstzwiebeln. Bester Hotdog ever. Danach gibt es noch dänische Mitbringsel aus dem Grenzhandelsshop Fleggaard. Ein Besuch des dänischen Megastores auf deutschem Boden sei jedem empfohlen, der dort entlangkommt.

Kurz nach 14 Uhr steigen wir in Flensburg in den Regionalexpress nach Hause. Angefüllt von intensiven Eindrücken der letzen 4 Tage.
Fazit – Shelter Attack zum ersten Mal
Wir hatten Glück mit dem Wetter. Hätte es geregnet weiß ich nicht, ob wir es gepackt hätten. Die Offraodsegmente waren zum Glück trocken, denn es gab viele davon. Die Wurzeltrails hätten wir wahrscheinlich alle schieben müssen, wären sie nass gewesen. Der Wind war uns am Anfang auch zugetan, das hat uns hintenraus gerettet, da wir unter dem Druck standen, am Dienstag wieder zu Hause sein zu müssen. Aber die späteren Tage haben mich wieder daran erinnert, dass mit dem Wind in Dänemark nicht zu spaßen ist, wenn er aus der falschen Richtung kommt. Zudem sind zumindest an der Ostküste die Höhenmeter nicht zu unterschätzen. Dänemark ist ein eher flaches Land, aber an der Küste ist es ein ständiges Auf-und-Ab. Das schlaucht. Wir überwanden insgesamt ca. 2.400 hm, 1.400 davon am ersten Tag.

Dänemark an sich ist aber immer eine Bikepacking-Reise wert. Die Shelter sind ein Alleinstellungsmerkmal des Landes, das uns Draußenschlafenden das Leben leicht macht und zum abenteuercharakter der Tour beiträgt. Und Dänemark ist einfach so schön und aufgeräumt und ordentlich – et smukt land med meget hygge.

Tipps zum Setup
Unsere Gravelbikes unterscheiden sich sehr voneinander. Ich setze auf meinen schon in die Jahre gekommen Rahmen von Carbonda. Ich fahre ein Sram 1x Antrieb, den ich jüngst auf eine elektrische Mullet aufgerüstet habe: vorne die neuen Force E1 Shifter, deren Bremspower das Beste ist, das es aktuell auf dem Rennradmarkt gibt.

Außerdem ist die Ergonomie dieser Griffe ebenfalls das Beste, was ich je gefahren bin. Hinten werkelt das MTB-Schaltwerk Eagle GX, das die Kette vom 10er bis 50er Ritzel hin- und her manövriert. Vorne habe ich ein 42er Blatt und damit die leichtesten Gänge in unserm Trio. Aber man könnte noch leichtere Gänge brauchen, um die vollgepackte Rig durch die Trails und steilen Anstiege zu bewegen. Jedenfalls viel eher als dicke Gänge.
Axel fährt als einziger von uns mit Schläuchen. Es mag natürlich Zufall sein, aber er ist der einzige, der mit einen Durchstich liegen bleibt. Seine 40mm Specialized Pathfinder galten als Nonplusultra für ein Gravelbike, aber mittlerweile denke ich, dass breite Reifen mit wenig Luftdruck einfach die bessere Wahl ist, wenn man viel Gelände fahren muss.

Man wird weniger durchgerüttelt, hat auf Kies wesentlich mehr Gripp und wie wir mittlerweile wissen, rollt ein dicker Reifen nicht langsamer als ein schmaler. Ich bin sehr zufrieden mit meinen 45er Pirelli Cinturata Gravel M, die ich mit 2 bar fahre. In den Offroadpassagen leide ich etwas mit Axel, aber auf der anderen Seite hat Florian mit seinen 2,1″ Conti Race King noch viel mehr Gripp und Komfort als ich. Mein persönliches Learning für so eine Tour also: so dicke Reifen wie möglich und so kleine Gänge wie möglich. Das verbessert wesentlich die Qualität einer Tour, die ohnehin sehr hart ist.
Übrigens: der Komfort der Reifen hängt auch stark von der Maulweite der Felge ab. Der Reifen sitzt dann satter auf der Felge und baut breiter auf. Mein 45er Pirelli baute auf der 9Velo-Felge mit 26mm Maulweite auf 46,5 mm. Florian hatte mit dem Laufradsatz Zipp XPLR 303SW sogar 32 mm Maulweite.

In Kombination mit der hakenlosen Flanke und den 57 mm breiten Contis fuhr er wie mit einem MTB durch die Trails. Beneidenswert.
Florian und ich setzen für den Transport hinten am Rad auf den minimalistischen Gepäckträger von Tailfin.

Ein genauso teures wie exzellentes System für Bikepacker. Ich stelle das aus England kommende System in einem eigenen Artikel hier auf bergauf en Detail vor (erscheint demnächst). Die Kurzfassung: viel Stauraum, kein Gewackel, absolute Zuverlässigkeit und ein wahrlich vielseitiges System. Axel hatte ebenfalls einen festen Gepäckträger und mithilfe eines 3D-gedruckten Halters eine wasserdichte Tasche sicher darauf befestigen können. Als Prototyp brach ihm die Halterung am dritten Tag, aber er konnte es mit etwas Panzertape bis ins Ziel retten.
Ich hab mein Cockpit sehr „racig“ gebaut – ich sitze lang und etwas überhöht. Durch die Länge und Ergonomie der Sram-Shifter und in Kombination mit den Redshift Topgrips unterm Lenkerband kann ich recht lange in der Tucked-In-Aero-Position fahren und vorne im Wind Watt sparen. Axel sitzt sehr viel aufrechter, aber gleicht meine Windschnittigkeit mit purer Watt-Beinkraft aus und fährt noch etwas ausdauernder vorne als ich.

Am Ende ist es neben dem Material mindestens genauso wichtig, dass man sich als Team verträgt. Gleiches Verständnis von Essen und Schlafen sind grundlegend und wenn es dann noch harmoniert, wird eine Tour zu einem angenehmen gemeinsamen Abenteuer. Und in dieser Hinsicht hatte ich mit Florian und Axel wirklich die richtigen Mitstreiter.


















